Natur abseits von Wegen

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09 Nov 2014 20:09 #1868 von Irene Wanitschke
Irene Wanitschke erstellte das Thema Natur abseits von Wegen
Hallo Ihr Lieben Spurensucher,

ich würde gerne mal Eure Meinung zu folgender Sache hören.
Ich bin furchtbar gerne in der Natur unterwegs. Nicht nur um Spuren zu suchen, sondern natürlich auch um die Tiere dazu in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Dabei bemühe ich mich immer, mich so rücksichtsvoll und leise wie nur möglich durch die Natur zu schleichen. Schließlich will ich kein Tier erschrecken oder vertreiben.
Bestimmte Rückzugsgebiete der Tiere würde ich deshalb auch nicht betreten. Aber immer nur auf den Wegen bleiben mag ich natürlich auch nicht. Nun habe ich in letzter Zeit allerdings immer wieder mal Jäger getroffen, die mich darauf hingewiesen haben, dass ich mich, vor allem während der Dämmerung, möglichst gar nicht in Waldesnähe aufhalten soll (es wäre viel zu gefährlich!).
Daraufhin habe ich mir eine schöne Stelle an einem kleinen Flüsschen gesucht, um dort ab und zu eine Weile in aller Stille zu sitzen. Und nun ist mir heute auch dort wieder ein Jagdpächter begegnet. Der ausgerechnet in einem kleinen nahegelegenen Gehölz eine Futterstelle für Rehe einrichten wollte und sich deshalb wenig über meine Anwesenheit gefreut hat.
Ich möchte dazu sagen, dass ich nichts gegen die Jäger habe und ihre Argumente absolut verstehe. Nur leider weiß ich nun langsam keine Stelle mehr in meiner Nähe, wo ich noch guten Gewissens hin gehen kann, wenn ich mal in aller Ruhe Tiere beobachten möchte.
Auch hatte ich eigentlich vor an meinem Sitzplatz mit dem Schlafsack einmal zu übernachten. Das traue ich mir nun erst Recht nicht mehr.

Was habt Ihr da bisher für Erfahrungen gemacht? Ich fürchte in Deutschland ist es einfach etwas zu eng und jedes Fleckchen gehört immer schon irgendjemanden, der eifrig darüber wacht. Oder ist das nur hier in Bayern so? :(

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09 Nov 2014 21:45 - 09 Nov 2014 21:46 #1869 von Simone [Team Spurenjagd]
Simone [Team Spurenjagd] antwortete auf das Thema: Natur abseits von Wegen
Hallo, liebe Irene!

Wir haben hier auch in unseren Reihen der Fährtenleser einige Leute mit Jagdschein - die können Dir sicherlich dazu auch nochmal eine Rückmeldung geben, was "sichere Zeiten" sind.

Auch ich bewege mich lieber abseits der Wege - selbstverständlich auch under Rücksichtnahme uf die Brut- und Setzzeiten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Jagdpächter eigentlich sehr aufgeschlossen sind, wenn man Ihnen das Anliegen, weshalb man sich "Draußen in der Natur" bewegen möchte ernsthaft erläutert und sich kooperationsbereit zeigt. Nimm Deine Begegnung heute als Anlass, nochmal gezielt Kontakt mit dem Jagdpächter aufzunehmen. Wenn Du ihm den Hintergrund erläuterst und es geschickt verpackst, dann ht er vielleicht auch Interesse an den Erkenntnissen, die Du durch das Fährtenlesen in seinem/eurem Revier gewinnst - und teilen kannst. Wenn Du keine Adresse/Telefonummer von ihm hast - die kannst Du über das Ordnungsamt oder das Forstamt heraus bekommen - dann ruf ihn einfach mal "privat" an und erläutere dein Anliegen.

Ich habe das auch so gemacht und (zugegebenermaßen) großes Glück mit "meinem" Jagdpächter, der sehr interessiert war und offensichtlich ganz froh, sich mit jemandem über die Tiere in seinem Revier austauschen zu können. Er hat sogar den Ansitz, der direkt gegenüber von meinem Sitzplatz angelegt war wieder abgebaut bzw. verlegt, damit "nichts passiert" und zudem haben wir uns dann telefonisch kurz abgesprochen. D.h. wenn ich Abends/Nachts mal im Dunkeln raus wollte, dann hab' ich per SMS Bescheid gegen, damit wir uns nicht in die Quere kommen.

Ich wünsche Dir, dass Du eine ähnliche "Lösung" finden und wieder mit gutem Gefühl an Deinem Sitzplatz und abseits der Wege herumstreifen kannst.

"Glaube mir, denn ich habe es erfahren, du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern. Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst."
~~Bernhard von Clairvaux
Letzte Änderung: 09 Nov 2014 21:46 von Simone [Team Spurenjagd].

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11 Nov 2014 12:31 #1875 von Heide Ulrich
Heide Ulrich antwortete auf das Thema: Natur abseits von Wegen
Hallo Irene,
da ich mich mit Jägern und Förstern einigermaßen auskenne (ich war selber mal beides), kann ich dir ein paar Infos zu deinen Fragen geben. Ich bin aber auch gespannt auf andere Kommentare zu dem Thema.

Manche Jäger sind der Meinung, dass der Wald ihnen alleine gehört. Das stimmt aber nicht. Im Bundeswaldgesetz und in den Landeswaldgesetzen ist geregelt, dass jeder den Wald, auch den Privatwald, zum Zwecke der Erholung betreten darf, auch abseits der Wege. Ausnahmen sind z.B. Schonungen oder eingezäunte Flächen.
Trotzdem ist es natürlich am besten, mit dem Jagdpächter eine einvernehmliche Lösung zu finden, wie es Simone vorschlägt. Ich habe aber schon den Eindruck, dass Simone einen ungewöhnlich kooperativen Jagdpächter im Revier hat. Du solltest dich im Gespräch mit dem Pächter nur auf eine Regelung einlassen, die auch deinen Rechten und Bedürfnissen Rechnung trägt. Manche Jäger versuchen mit aller Macht, dir deine juristisch verbrieften Rechte abzusprechen. Insofern ist es sicher nicht verkehrt, vor dem Gespräch die entsprechenden Paragrafen rauszusuchen und als Kopie dabei zu haben...
Ich bin selbst schon von einem angetrunkenen Jäger mit vorgehaltener Büchse aus dem Wald getrieben worden - das das nicht rechtens war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.
Es ist sogar erlaubt, mit dem Schlafsack im Wald zu übernachten. Ein Zelt darf man nicht aufbauen und auch kein Feuer machen. Wenn man mit den örtlichen Jägern nicht so ganz im Reinen ist, sollte man diese Dinge dann besser unterlassen. Ein Tarp ist m.E. in der rechtlichen Grauzone...

Dann war da noch deine Frage nach der Gefahr.
Grundsätzlich muss jeder Jäger das Wild, bevor er schießt, "ansprechen", d.h. genau erkennen - bei Reh- oder Rotwild bis hin zu Geschlecht, Alter und Kondition. Insofern kann ein Jäger kaum versehentlich auf einen Menschen anlegen, auch wenn dieser abseits der Wege unterwegs ist. Eine gewisse Ausnahme könnte die Jagd auf Sauen sein. Wildschweine sind oft nachts unterwegs und am Tage schwer zu jagen. Die Jäger gehen deshalb gern in mondhellen Nächten auf Sauenjagd. Da kann das mit dem Ansprechen schon mal schwieriger sein und im schlechtesten Fall eine größere, vielleicht gebückte Silhouette zum Schuss ohne genaues Ansprechen verleiten. Besonders im Herbst, wenn die Sauen im Mais oder in den Rüben Schaden machen, sind mondhelle Nächte vielleicht nicht die beste Zeit, um abseits der Wege umherzustreifen.
Andernfalls ist die Gefahr, dass ein Jäger versehentlich auf einen Menschen zielt und schießt, extrem gering.
Die andere Gefahr könnte sein, dass man unbemerkt in den Weg einer auf ein Stück Wild abgegebenen Kugel gerät. Das kann eintreten, wenn die Kugel das Wild verfehlt und noch eine größere Strecke weiterfliegt. Nicht zuletzt um das zu vermeiden, sind Hochsitze erfunden worden. Eine von oben abgegebene Kugel schlägt kurz hinter dem angepeilten Ziel in den Boden. Die weitaus meisten Schüsse werden von Hochsitzen aus abgegeben und sind deshalb ungefährlich. Solltest du es gaschafft haben, so nah an ein Reh anzupirschen, dass du in die Reichweite einer vom Hochsitz abgegebenen Kugel gerätst, wärst du ein Meister deines Faches!
Bei Schüssen vom Boden aus hat der Jäger die Pflicht, auf einen geeigneten Kugelfang zu achten. Das kann zum Beispiel ein Hang sein, gegen den man schießt. Sollte ein Jäger jedoch der Meinung sein, ein dichter Jungwuchs wäre ein geeigneter Kugelfang (was er nicht ist), und du bist in dem Jungwuchs gerade unterwegs, dann könnte das auch mal schiefgehen. Eine Kugel, abegeschpossen auf waagerechter Fläche ohne Kugelfang, kann allerdings etliche Kilometer weit fliegen - auch locker bis zum nächsten Waldweg, auf dem sich ein ganz braver Spaziergänger befindet...
Außerdem könnte eine Kugel beim Schuss ein Hindernis, z.B. einen Baumstamm, streifen und dadurch aus ihrer Flugbahn abgelenkt werden. Ein solche Kugel kann im schlechtesten Fall auch in größerem Winkel von der Schusslinie weiterfliegen und dort ggf. Schaden anrichten. Doch auch hier gilt: davor schützt dich auch kein Waldweg.
Bei uns in der Nähe ist vor ein paar Jahren bei einer Treibjagd ein Kugelschuss auf Sauen abgegeben worden, der einen leichten Hügel überflogen hatte und einige Kilometer weiter auf einer Bundesstraße die Heckscheibe eines Kleintransporters duchschlug - Gott sie Dank ohne den Fahrer zu treffen.

Ich denke, die Gefahr, abseits vom Wege von einem Schuss getroffen zu werden, ist viel geringer als die, auf einem Zebrastreifen oder an einer grünen Fußgängerampel von einem unaufmerksamen Autofahrer überfahren zu werden. Deshalb: "Meidet Fußgängerampeln!?!" Die Ziviliations-Gefahren nehmen wir einfach so hin und erkennen sie kaum mehr als solche, die Gefahren der "Wildnis" werden hingegen sytematisch aufgebauscht.

Ich wünsche dir, dass Du im Optimalfall eine gute Lösung mit deinem Jadpächter absprechen kannst.
Andernfalls wünsche ich Dir, dass du trotzdem guten Gewissens quer durch den Wald gehst und es genießen kannst, denn du hast das Recht dazu.

Der Wald ist für alle da! Lasst ihn uns mit allen Sinnen genießen!
Folgende Benutzer bedankten sich: Holger [Team Spurenjagd], Mo [Team Spurenjagd]

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12 Nov 2014 13:15 #1878 von Lucie Hüttermann
Lucie Hüttermann antwortete auf das Thema: Natur abseits von Wegen
Hallo Irene,
ich kann Heide klar zustimmen.
Kein Jäger darf Dir die Bewegung im Wald verbieten, jedoch ist es auch so, dass viele Menschen sich unüberlegt in der Natur bewegen und damit das Wild beunruhigen. Bei mir im Revier kommen z.B. die Rehe nur noch in der Nacht aus dem Wald, weil tagsüber zuviel Unruhe herrscht, das ist nicht so toll.
Als ich noch keinen Jagdschein hatte, habe ich den jeweiligen Jagdpächter angesprochen, gefragt und dann immer abgesprochen, wann ich gerne rausgehen wollte.
Nach anfänglichem Misstrauen der Revierpächter habe ich dann aber gute Erfahrungen gemacht.

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16 Dez 2014 16:43 #2127 von Irene Wanitschke
Irene Wanitschke antwortete auf das Thema: Natur abseits von Wegen
Liebe Spurensucher,

erst einmal ganz lieben Dank für die langen, informativen Beiträge. Es hat mir wirklich gut getan, zu hören, dass es nicht verboten ist auch abseits der Wege den Wald zu betreten (daran hatte ich beinahe schon gezweifelt). Auf alle Fälle werde ich Euren Rat beherzigen und mich mit den Jagdpächtern unterhalten.

Gerne werde ich Euch später darüber berichten, welche Erfahrungen ich dabei mache.

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